Tharlesa Talvis – eine D&D Backstory
Und dann redeten sie. Eigentlich redete hauptsächlich Zanna. Tharlesa hielt sich doch sehr zurück, Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen. Sie kannte diese Frau ja nicht. Und ihre Fähigkeit zu vertrauen hatte im Laufe ihres Lebens doch arg gelitten. Ja, Zanna kannte diese Art von Fragen, die Tharlesa beschäftigten. Sie selbst hatte immer geglaubt, sie wisse was recht und was unrecht ist, aber irgendwann lernte sie, dass es Nuancen gibt, die dazwischen liegen. Sie meinte, manchmal muss man erst die Auswirkungen des Handelns sehen, bevor man weiß, ob es richtig war oder nicht. Und manchmal ist das was dem einen richtig erscheint, für einen anderen falsch. Tharlesa schwirrte der Kopf. Das half ihr nicht im Geringsten. Im Grunde sagte Zanna also gerade, dass man es eigentlich nie genau weiß und wenn doch, dann ist es zu spät. Zanna lachte.
„Die meisten bekommen eine moralische Grundeinstellung schon in der Kindheit mit. Von Eltern und von Freunden. Ich muss Deine Geschichte nicht kennen, um zu wissen, dass es bei Dir anders war. Ich habe einige wie Dich getroffen.“ Sie nippt kurz an ihrem Tee „Weißt Du, die meisten Leute machen sich kaum solche Gedanken. Die meisten haben es auch nicht nötig. Sie überlegen, was sie zum Mittag kochen sollen, damit die Familie zufrieden ist. Oder ob das Kleid schick genug für den Empfang ist, ob die neue Frisur dem netten Herrn in der Bibliothek wohl auffällt, ob sie lieber Kuchen oder Torte servieren…“ Dann schaut sie Tharlesa einen Augenblick lang intensiv an und sagt: „Nicht alle haben so schwerwiegende Entscheidungen zu treffen, wie Du.“
Tharlesa verschluckte sich fast an ihrem Tee. Wieder lachte Zanna. Sie wusste natürlich nichts Genaues, aber ihr war klar, dass Tharlesa sich in Kreisen bewegte, in denen ein so junges Mädchen eigentlich nichts verloren hatte. Sie konnte doch noch keine zwanzig sein. Es war spät geworden und Zeit für Tharlesa aufzubrechen. Sie wusste nicht genau was sie eigentlich sagen sollte, das Gespräch war doch sehr… ungewöhnlich. Also bedankte sie sich für den Tee und machte sich auf, zu gehen. Zanna begleitete sie zu einer anderen Tür, die aus dem ersten Stock heraus direkt über eine zweite Treppe nach draußen führte. So musste sie nicht wieder durch das Geschäft. Bevor Tharlesa verschwand, hielt Zanna sie noch kurz zurück. „Komm morgen noch mal wieder, dann flicke ich Dein Hemd.“ Und sie lächelte Tharlesa so offen an, dass diese nicht anders konnte, als zu nicken. Dann verschwand sie.
Tharlesa ging tatsächlich am nächsten Tag wieder zu Zanna, und diese hielt Wort und flickte das Hemd in einer Geschwindigkeit, die Tharlesa nur staunen ließ. Zanna lud sie ein, öfter mal vorbeizukommen, zum Tee, zum Reden, wonach ihr gerade war. Und Tharlesa nahm das Angebot an.
Sie fing zum ersten Mal an, wieder jemandem zu vertrauen. Sie genoss die Gespräche mit Zanna. Sie halfen ihr, die einst gelernten Doktrinen aus Zadash neu zu bewerten. Aber sie redeten auch über andere Dinge. Das Wetter, Politik, Klatsch und Tratsch, wer mit wem, und so weiter. Dinge, über die normale Leute eben so redeten. Zanna akzeptierte sie, wie sie war. Auch nachdem sie wusste, was Tharlesa beruflich machte. Sie verurteilte sie nicht dafür, und sie versuchte auch nicht sie zu ändern. Und Tharlesa halfen die Gespräche, sie machten ihren Geist leichter. Zanna gab ihr das kleine Dachgeschoss ihres Hauses, dafür half Tharlesa ab und zu im Laden aus. Eigentlich brauchte Zanna keine Hilfe im Laden, sie hätte sich auch keine leisten können, aber so konnte Tharlesa nach außen hin ein normales Leben vortäuschen. Die einzige Bedingung war, dass Tharlesa ihre dunklen Geschäfte von dem Laden fernhält. Und das tat sie. Es bot ihr eine gute Tarnung. So etwas war nützlich und wichtig, wenn man alleine arbeitet.

