Tharlesa Talvis – eine D&D Backstory
Mit siebzehn Jahren schließlich fand die Gilde, es wäre Zeit Tharlesas Ausbildung zu beenden und sie endgültig in ihren Kreis aufzunehmen. Valkis hatte sie gut vorbereitet. Der Auftrag schien einfach. Ein reicher Geschäftsmann war das Ziel und es sollte möglichst nach einem Raubüberfall aussehen. Tharlesa machte diesen Mann ausfindig. Sie fing an ihn zu beschatten und seine Gewohnheiten zu studieren, genauso wie sie es gelernt hatte.
Sie fand heraus, dass er ein wirklich wohlhabender Mann war. Ein Mann, der trotz seines hohen Standes seine Angestellten stets freundlich behandelte und sie gut bezahlte. Ein Mann, der weder Frau noch Kinder hatte, der aber jede Katze streichelte, die ihm um die Beine strich. Ein Mann, der die wenige Freizeit nutzte, um im kleinen Stadtpark ein Buch zu lesen. Sie fing an sich zu fragen, was wohl der Grund für diesen Auftrag war. Sie dachte nicht drüber nach, ob es richtig oder falsch war, keineswegs. Zu lange war sie fast ausschließlich mit Valkis und den anderen zusammen, deren Moralvorstellungen nicht denen der Allgemeinheit entsprachen. Aber dieser Mann schien so gar nichts an sich zu haben, was seinen Tod für irgendjemandem leichter machte. Natürlich konnte Tharlesa das nicht wissen, vielleicht war alles nur Fassade. Sie wusste, die Dinge sind nicht immer so wie sie scheinen. Und dennoch… Woher kam dieser Gedanke nur? Er ließ sie einfach nicht los. Wieso sollte dieser Mann sterben? Sie sprach Valkis darauf an. Doch er sagte nur, es sei ein Auftrag. Jemand bezahlt dafür, also wird es erledigt. Mehr nicht. Doch sie ließ nicht locker. Wollte er denn nie die Gründe wissen? Die Fragen waren ihm lästig, das spürte Tharlesa. Er wirkte ungeduldig, als er seine Worte wiederholte. Es war ein Auftrag der Gilde. Punkt!
Tharlesa wurde langsam klar, dass man in dieser Gilde nichts hinterfragt. Sie versuchte sich zu erinnern. Eigentlich wurde noch nie etwas hinterfragt. Weder Valkis, noch Falben, noch Halavor, hatten jemals Fragen zu einem Auftrag geäußert. Und sie hatte auch nie gefragt, hatte sie doch immer auf Valkis vertraut. Es fühlte sich komisch an. Die Gilde sagt spring, und alle springen. Läuft das so? Wieso ist ihr das vorher nie aufgefallen? Sie versuchte das zu vergessen, und sich nichts weiter anmerken zu lassen, doch es nagte an ihr.
Schließlich war der Abend gekommen. Es wurde Zeit ihre Position einzunehmen. Diese Nacht sollte ihre Prüfung sein. Es war eine Prüfung ihrer Fähigkeiten, aber auch eine Prüfung ihrer Loyalität, das war ihr klar. Valkis, Halavor und Falben begleiteten Tharlesa in die Stadt, als seelische Unterstützung, wie sie es nannten. Sie wollten in einer Taverne auf sie warten.
Tharlesa zog ihre Kapuze tief in die Stirn, und schlenderte durch die dunklen Gassen der Stadt. Sie nahm nicht den direkten Weg, viel zu auffällig. Sie nahm verschlungene Pfade durch die Stadt, und kam schließlich ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen am Zielpunkt an. Hier würde es passieren. Hier würde er am Ende seines Tavernenbesuchs entlang kommen. Noch zwei Straßen weiter vorne würde er sich von seinen Saufkumpanen verabschiedet haben. Er würde allein und angetrunken durch die leeren, dunklen Gassen wandern. Und hier würde er heute Nacht sterben. So war zumindest der Plan. Während sie in ihrem Versteck auf ihn wartete, schlichen sich wieder diese Gedanken ein. „Wieso sollte er sterben?“ Sie schüttelte kurz ihren Kopf und atmete die kalte Nachtluft ein, bemüht diese ungewollten Gedanken zu vergessen. „Ist das alles, was wir sind? Soldaten, die stumpf Befehlen folgen?“ Sie verfluchte sich innerlich, und bemühte sich um Konzentration. Sie gehörte zum ersten Mal irgendwo dazu, das wollte sie nicht vermasseln. Aber wollte sie wirklich zu dieser Art von Gemeinschaft gehören? Es gefiel ihr nicht, dass sie nicht fragen durfte, nicht wissen durfte. Sie war doch kein Hund, der auf Kommando Stöckchen holte.
Wieso jetzt, verdammt? Ein ungünstiger Zeitpunkt für diese Gedanken. Sie versuchte erneut sich zu konzentrieren. Auf ihren Auftrag. Sie hörte Schritte. Gleich würde er um die Ecke kommen. Sie sah ihn, wie er leicht trunken durch die Gasse taumelte. Gleich war auf ihrer Höhe. Sie konnte ihn genau sehen, obwohl es hier so dunkel war. Sie konnte den Alkohol an ihm riechen. Der Moment war da.

