Merit / Flow

eine Superhelden-Backstory

Der junge Mann starrte gebannt auf das Liniennetz auf seinem Bildschirm, das sich über eine Karte der Stadt zog. Es leuchtete kurz in der Rockdale Avenue auf, dann plötzlich etwas weiter Ecke Allen Street und Tucker Road. Das sekundenschnelle Aufleuchten zog sich weiter über die Karte von Dartmouth, mal hier, mal dort, aber es schien ein eindeutiges Ziel zu haben. Seinen Berechnungen zufolge müsste es das Physik-Gebäude der Universität in ca. 7 Sekunden erreichen. Noch fünf…. Noch zwei…. Er drehte sich um zu Steckdose, die neben der Tür hinter ihm in der Wand montiert war. Es knisterte kurz, ein paar Funken kündigten sie schon an und dann brach ein helles Licht aus kleinen Blitzen aus der Steckdose hervor. Genauso schnell wie es gekommen war, war es auch schon wieder vorbei und wo eben noch eine starke Entladung von elektrischer Energie zu sehen war, stand nun eine Frau mit hellrosa Haaren, funkelnden grünen Augen, und einem spitzbübischen grinsen.  „Du wirst schneller“, sagte Daniel und grinste ebenfalls.

Merit ging zum Bildschirm, an dem Daniel ihren Weg verfolgt hat, und sah ihn sich noch einmal an. Sie tippte kurz auf eine Abzweigung. „Hier hätte ich schneller sein können, aber sie haben dort ein Haus abgerissen und die Leitungen entfernt. Ich musste einen Umweg nehmen.“ Daniel nickte kurz. Sowas passiert. Bald würde da ein neues Haus stehen, durch dessen Stromleitungen sie rauschen konnte.

Die beiden fachsimpeln noch ein wenig, während Merit sich umzog. Sie hatte immer „normale“ Klamotten in Daniels Büro liegen. Der speziell angefertigte Bodysuite, der verhinderte, dass sie sich jedes Mal neue Klamotten kaufen musste, wenn sie in Ihren Energiekörper wechselte und durch Stromleitungen rauschte, gehörte zu ihrer anderen Identität. Jetzt wollte sie nur mit Daniel ins nächste Café, um sich einen Hazelnut-Vanilla-Cappuccino zu gönnen (Ihre Wahl, nicht seine…).

Als Merit wieder zu Hause war, sank sie auf die Couch, wo ihre Katze laut schnurrend ihre Kraueleinheiten einforderte. „Du hast es gut, Isis“, dachte Merit und ihre Gedanken drifteten ab, zu einer Zeit, bevor sie durch Stromleitungen reisen, Energieblitze schleudern und Küchenmaschinen durch bloßes Anfassen schrotten konnte. Letzteres hatte sie glücklicherweise inzwischen (fast) im Griff. Sie griff zu Ihrer Violine und fing an, eine sanfte Melodie zu spielen, während sie sich weiter in ihren Gedanken verlor, sich in eine Zeit träumte, bevor sie „Flow“ wurde. Ihr Leben war so viel einfacher damals.

Eigentlich war ihr Name Marigold. Marigold Milburn. Sie mochte diesen Namen niemals wirklich. geboren und aufgewachsen war sie in New Haven, Connecticut. Sie war schon immer sehr intelligent gewesen und ihre ersten schulischen Auszeichnungen ließen nicht lange auf sich warten. Sie lernte viel und gerne und war stets sehr fleißig. Schon seit Schulbeginn war sie fast immer die Beste ihrer Klasse. Ihr Vater war sehr stolz auf sie und nutzte einmal das Wort „merit“, um zu beschreiben, wie sehr sie sich eine Auszeichnung verdient hätte. Dieser Ausdruck gefiel ihr so gut, dass Sie ihn als Namen beibehielt. Ihre Mutter war die Einzige, die sie weiterhin Marigold nannte, für alle anderen war sie stets Merit.

Als „Streberin“ gehörte sie spätestens seit der Highschool natürlich zu den Außenseitern. Allerdings sah sie das selbst nie so. Sie war kein Mauerblümchen, sie konnte nur mit Cheerleadern und dergleichen nichts anfangen, für sie waren DIE die Außenseiter. Ihre Begabungen zeigten sich insbesondere in Mathe und Musik. Sie konnte im Grunde jedes Instrument spielen, konzentrierte sich aber insbesondere auf das Klavier und die Violine. Sie besaß eine eigene wunderschöne und gut gestimmt Violine. Dieses Instrument war ihr ein und alles, ihre Ruhe, wenn überall nur Chaos herrschte, ihr Frieden, wenn ihr Geist in Aufruhr war. Wenn in der Wohnung ein Feuer ausbrechen würde, würde sie zuerst die Katze retten und dann ihre Violine.

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