Merit / Flow

Merit sah sich um. (Tat sie das wirklich?) Sie fühle sich merkwürdig, leicht irgendwie, schwindelig… Bewegte sich die Welt? Oder bewegte SIE sich? Sie hatte nicht, das Gefühl sich zu bewegen, und gleichzeitig doch. Wo kam diese Dunkelheit her? Wenn der Strom ausgefallen war, sollten die Notgeneratoren zumindest ein schwaches Licht erzeugen. Waren die auch ausgefallen? Nur ein paar Minuten, dann sollten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Sie starrte ins Nichts. (tat sie das?) Waren ihre Augen offen? Oder geschlossen? Sie vermochte es nicht zu sagen. Kurz bekam sie Panik. War sie etwa plötzlich erblindet? Nein, da war was. Ein Aufflackern. Ganz kurz. Wo war es hin. Wieder nur Dunkelheit. Wieder drohte die Panik sie zu übermannen. Da war es wieder: ein kleiner heller Blitz, links von ihr (war das links?).  Sekundenschnell, dann war er wieder fort. Hier noch einer. Diesmal vor ihr. (vor ihr?) Diese Blitze sind um sie herum. Zu schnell, um Irgendwas zu erleuchten. Sie versuchte sich zu bewegen. Sie bewegt sich bereits (Bewegte sie sich?). Wie merkwürdig sich alles anfühlt. (Fühlt sie überhaupt etwas?) Sie atmet tief durch. (Atmet sie?) Sie glaubt zu atmen, und doch fühlt es sich nicht so an. Was ist hier bloß los? Nun rauscht Angst durch ihren Körper. (Körper?) Ist sie etwa tot? Fühlt sich so das Sterben an? Sie versuchte ihren Puls zu fühlen, aber spürt nichts. Trotzdem weiß sie, dass er da wäre. Woher weiß sie das? Überall sieht sie nun diese Blitze. Überall um sie herum. Schnell und beängstigend, aber sie verletzen sie nicht. Sie schließt die Augen. Sie weiß noch immer nicht, ob sie offen oder geschlossen sind, aber alleine der Gedanke, sie aktiv zu schließen, beruhigte sie ein wenig. Sie atmet noch einmal durch. Wieder weiß sie nicht, ob sie wirklich atmet, aber der Gedanke… der Gedanke… „Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich“, fallen ihr die Worte des Philosophen und Mathematikers René Descartes ein. Gut, sie mag vielleicht ihren Verstand verlieren, aber ihr Gedächtnis funktioniert noch. Während sie über das Sein nachdenkt, was sie gerade so gar nicht verspürt, beruhigt sie sich und je mehr sie sich beruhigt, desto ruhiger werden auch die Lichtblitze. Sie streckt ihre Hand nach ihnen aus. Sie glaubt ihre Hand auszustrecken. Sie entscheidet sich dazu ihre Hand auszustrecken. Und plötzlich sind da kleine helle Blitze um Ihre Hand herum. Ist das ihre Hand? Sie sieht sie immer noch nicht. Nur die Schemen einer Hand, dessen Form sich durch die aufflackernden Lichter erahnen lässt. Faszinierend starrt sie auf dieses Konstrukt. Sie bewegt es, und die Bewegung der kleinen Lichter lässt darauf schließen, dass sie ihre Hand tatsächlich bewegt. Gut. Sie hat noch einen Körper. Hat sie doch, oder? Sie spürt ihn noch immer nicht wirklich und sie arbeitet schwer daran, nicht wieder in Panik zu geraten. „Ganz ruhig“, redet sie mit sich selbst, ohne sich wirklich zu hören. „Denk nach!“ fordert sie sich selbst auf. „An was erinnerst Du Dich?“ Sie ging zurück bis zu dem Punkt, an dem sie um Umspannwerk auf den Techniker wartete. Was immer passiert war, passierte dort zu genau dem Zeitpunkt. Aber was könnte passiert sein? Was ist mit IHR passiert? Sie versuchte sich wieder umzusehen. War sie noch immer im Umspannwerk? Wie viel Zeit ist vergangen? Ein paar Minuten? Ein paar Stunden? Sie konnte es beim besten Willen nicht sagen. Sie versuchte sich wieder auf ihre Augen zu konzentrieren. Außer den kleinen Lichtblitzen konnte sie nichts ausmachen. Doch! Moment! Dort hinten… die Lichter bilden eine Form. Eine sehr lose Form, aber sie kann etwas erkennen. Bewegt es sich? Ja, da bewegt sich etwas. Was ist das? Es verschwindet. Nein! Sie versucht hinterher zu… gehen? Sie fühlt sich noch immer körperlos, aber sie bewegt sich ebenfalls. (tut sie doch, oder?) Das alles ist so verwirrend. Und frustrierend! Die Blitze zucken wieder heftiger, während sie verzweifelt der Gestalt hinterherschaut, die in der Ferne verschwindet. Da! Wieder eine Gestalt. Ist es die gleiche, wie eben? Ist sie wieder zurückgekommen? Merit kommt einfach nicht näher ran. Sie ist sich fast sicher, dass der Schemen die Umrisse eines Menschen zeigen. Wenn sie ihn nur auf sich aufmerksam machen konnte. Frustrierte Blitze zucken um sie herum. Die Gestalt verschwindet wieder. So geht das einige Male. Merit hat vorerst aufgegeben, mehr zu erkennen. Sie fühlt sich erschöpft. Die Blitze sind auch nicht mehr so quirlig wie noch am Anfang. Vielleicht liegt es daran, dass Merit ruhiger wird. Oder vielleicht wird sie auch einfach müde? Es muss ja schon weit nach Mitternacht sein. Ein wenig gleichgültig sieht sie die Gestalt wieder ankommen. Das kennt sie ja nun schon. Doch Moment. Sie kommt näher, als sonst. Merit wird etwas aufgeregter. Sie kann die Gestalt noch immer nur in Schemen erkennen, doch sie ist nun ganz nah. Verwundert sieht Merit, wie die Gestalt kleiner wird. Nein, nicht kleiner, sie hockt sich hin. Merit ist sich sicher. Was macht sie da? Sie versucht näher an die kauernde Gestalt heranzukommen. Sie sieht noch etwas. Etwas eckiges? Sie kann es nicht erkennen, aber sie sieht dort hellere Blitze als gerade um sich herum, es zieht sie regelrecht an. Sie streckt ihre Hand danach aus und

Sie spürt… Sand? Und Kälte… den Atem in Ihren Lungen… Den Wind auf ihrer Haut…

Und sie sieht den Boden. Die Hand, die vor ihrem Gesicht im Sand liegt. Ihre Augen brennen. (Vom Sand?) All das bricht auf sie herein wie eine Lawine. Und sie fängt bitterlich an zu weinen, als ihr klar wird, dass sie wieder sie selbst ist. Sie weint und schluchzt und kriegt kaum mit wie jemand eine Decke um sie legt und sie sanft hochhebt. Wieder wird es dunkel, doch diesmal findet auch ihr Verstand Ruhe und sie bekommt nichts von dieser Dunkelheit mit.

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