Merit / Flow

Als sie aufwachte, sah sie direkt in Daniels himmelblaue Augen. Es spiegelten sich Freude und Erleichterung darin und er grinste als er sagte: „war gar nicht so leicht, Dich zu finden“

Sie lächelte, ohne die Bedeutung der Worte wirklich zu verstehen. Sie setzte sich etwas mühsam auf, und sah sich um. Sie strich sich immer wieder über die Arme, während sie sich umsah. Irgendwie fühlte sich ihr Körper fremd an. Das war nicht Daniels Wohnung. „Wo sind wir“, fragt sie und blickte sichtlich verwundert drein, als Daniel das tatsächlich als seine Wohnung bezeichnete. Er bemerkte den Ausdruck in Merits Gesicht und sagte: „Es ist viel passiert.“ Und dann fügte er vorsichtig hinzu: „Weißt Du, wie lange Du weg warst?“. Sie blickte kurz zum Fenster, wo sich das erste zarte Morgenlicht seinen Weg ins Zimmer bahnte. Sie konnte nicht ansatzweise sagen, wie lange sie in der Dunkelheit war. Manchmal kam es ihr wie Minuten vor, und manchmal schienen Jahrzehnte vorbeizustreifen.  „Die ganze Nacht?“ entgegnete sie zögernd auf seine Frage. Er seufzte tief. So was hatte er befürchtet, und er wusste das würde jetzt nicht leicht für Merit. „Du warst ganze acht Monate fort“, sagte er leise. Merit atmete tief ein, starrte ihn einen kurzen Moment ungläubig an, und schlug dann grinsend ihre Faust in seinen Oberarm. „Ach komm, hör auf rumzublödeln. Sag schon, was passiert ist. Hatte ich einen Schlaganfall, oder so? Und wo zum Teufel sind wir hier, ich kenne doch Deine Wohnung.“ Doch als sie in seine Augen sah, wich das Grinsen aus ihrem Gesicht. So ernst hatte sie ihn noch nie gesehen. Sie sah sich nun genauer in der Wohnung um. Sie war kleiner, und etwas heruntergekommener. Sie blickte wieder zu Daniel. „Erzähl mir alles“, forderte sie ihn auf. „und lass nichts aus.“

Und Daniel erzählte. Er begann mit der Explosion, die kaum etwas von Greenergy übriggelassen hatte. Alle, die an dem Abend dort waren, waren tot. Bis auf Merit, offensichtlich. Und er selbst. Er hatte einfach unverschämtes Glück gehabt. Er war gerade mal eine Stunde zuvor von seinen Kollegen nach Hause geschickt worden, weil er die ersten Anzeichen der umhergehenden Grippe zeigte, und die beiden sich auf keinen Fall anstecken wollten. Das Gebäude des Umspannwerks, in dem Merit sich zu dem Zeitpunkt befand, war ziemlich gut abgesichert. Es hatte zwar auch einiges abbekommen, aber es war nicht so völlig dem Erdboden gleichgemacht, wie der Rest des Geländes. Daniel konnte nur vermuten, aber er glaubte, dass es dort eine Energieentladung gegeben haben muss, die mehr als unnatürlich war. Irgendetwas war dort passiert, das Merit nicht getötet, sondern eher…integriert…. hatte. Er hatte kein besseres Wort dafür, und er konnte sich das auch nicht erklären. Als Merit ihn fragte, wo genau sie denn gewesen war, konnte er auch das nur vermuten. Er glaubte, sie war in den noch vorhandenen Stromleitungen gefangen. Körperlos, als reine Energie. Die Stromleitungen waren nach außen gekappt, es war ja alles kaputt, deshalb konnte sie nirgends anders hin. Und das war wohl auch gut so, betonte er. Wäre sie unkontrolliert durch das amerikanische Stromnetz gerauscht, hätte er sie niemals gefunden. „Aber woher wusstest Du, dass ich dort war“? fragte Merit.

Nun, er wusste es nicht. Er ahnte es noch nicht einmal. Als Daniel von der Explosion erfuhr, hielt er Merit ebenfalls für tot, wie alle anderen. Aber er hatte ein merkwürdiges Bauchgefühl, was die Explosion betraf. Der Fall war sehr schnell sehr klar, für die Öffentlichkeit. „…Ein tragischer Unfall…“, „…mehrere Mitarbeiter tot…“, „…der Tod dreier Physiker, die maßgeblich die Zukunft hätten beeinflussen sollen, sei ein großer Verlust…“.

Das Ding war: Die Mitarbeiterzeiten wurden in der Firma natürlich erfasst. Nach neun Stunden wird man allerdings automatisch „ausgestempelt“, man muss sich dann aktiv wieder einstempeln, um weiter in der Lohnerfassung zu sein. Das ist nur relevant für die Arbeiter, die nach Stunden bezahlt werden. Daniel und seine Kollegen hatten ein Festgehalt, die nahmen das nicht so genau. Und ER hatte sich an dem Abend gewiss nicht noch mal eingestempelt, und er war sich sicher, dass es seinen Kollegen ebenfalls egal war, was die Zeiterfassung so erfasste. Selbst wenn diese Daten also irgendwo auf externen Servern gespeichert und nicht zerstört waren, gäbe es keinen Hinweis darauf, dass die drei zum Zeitpunkt der Explosion noch dort waren. Und von denen, die wussten, dass sie dort waren, waren alle tot. Es hatte sich auch keiner bei Daniel erkundigt, ob es ihm gutginge. Kein Anruf, keine E-Mail, als wäre es völlig klar, dass er in dem Gebäude war. Vielleicht war es nichts, vielleicht der Schock, vielleicht konnte man einen seiner Kollegen schnell identifizieren und hat automatisch darauf geschlossen, dass sie alles drei dort waren… alles möglich. Doch etwas nagte an Daniel. Er hatte einen sehr vertrauenswürdigen Kontakt bei der Polizei, der allerdings nichts genaues über die Untersuchungen in Erfahrung bringen konnte. Mit seiner Hilfe tauchte Daniel erst einmal unter. Er war misstrauisch. Der Fall wurde sehr schnell zu den Akten gelegt.

Als Ruhe um diesen Fall einkehrte, und die Untersuchungen auf dem ehemaligen Firmengelände eingestellt wurden, fing Daniel selbst mit Nachforschungen an. Er bleib vorsichtig und ging meist in den Abendstunden, um die Ruine zu durchforsten. Er fand nicht mehr viel, doch er konnte in dem Schutt noch die eine oder andere Festplatte finden. Besonders gründlich waren die bei der Spurensicherung wohl nicht gewesen… natürlich war das meiste, was er fand, Schrott, aber er nahm trotzdem alles mit. Man wusste ja nie. Als er sich beim ehemaligen Umspannwerk umsah, hatte er ein merkwürdiges Gefühl. Manchmal hörte er ein leises Knistern, manchmal dachte er, er sähe aus den Augenwinkeln kleine Funken. Fast so, wie bei einem offenen Stromkabel, das Kurzschlüsse verursacht. Er tat es zunächst als Stress-Symptom ab, dem Ort geschuldet an dem seine Kollegen, seine beste Freundin (und fast auch er) gestorben war. Diese Leitungen hier waren ebenso tot. Abgetrennt von allem, was Strom zuführen könnte. Da konnte nichts mehr knistern oder Funken schlagen. Doch auch die nächsten Male, die er diesen Ort besuchte, nahm er es wieder wahr. Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, und nahm das nächste Mal einen Spannungsprüfer mit. Zu seiner großen Überraschung konnte er tatsächlich vereinzelnd elektrische Ladung im Bereich des Umspannwerks messen. Er vermutete zuerst, dass die Kabel von irgendwoher noch Strom ziehen mussten, aber alles um diesen Bereich herum war komplett zerstört. Undenkbar, dass in den Leitungen noch Strom floss. Außerdem maß er nie in einer gesamten Leitung Strom oder in bestimmten Leitungen.  Es war immer woanders, immer in diesem Bereich, aber immer im Fluss. Daniel beschaffte sich externe Aufzeichnungen des örtlichen Stromnetzes zum Zeitpunkt der Explosion. Die Strommessspitze, die Daniel zu der Sekunde sah, ging weit über die Scala hinaus. Er hatte noch nie einen so hohen Wert gesehen. Er fing an zu denken, und zu rechnen. Irgendwas war in den Stromleitungen zurückgeblieben. Er wusste nicht was, aber er würde es herausfinden. Er ging nun regelmäßig gezielt zu diesem Teil des ehemaligen Kraftwerks und fing an Aufzeichnungen zu machen, über die Energiewerte, die er erhielt: Wo sie auftauchten, wann sie auftauchten, wie hoch sie waren. Gab es ein Muster? Er erkannte es zuerst nicht, aber im Laufe der Monate hatte er das Gefühl, diese Energiequelle reagierte auf ihn. Und er hatte noch ein Gefühl: Es wurde schwächer. Er beeilte sich, stellte noch mehr Berechnungen an, und entwickelte letztendlich ein Gerät, das diese Energie aus den Leitungen rausziehen sollte. Er wusste nicht, ob das schlau war, er wusste ja nicht was dieses Phänomen versursachte, aber sein Forscherdrang war groß. Er hatte das Gefühl etwas Großem auf der Spur zu sein. Er musste es einfach wissen. Nachdem er das Gerät endlich vollendet hatte, platzierte er es auf einer offenen Fläche und begann eine der Leitungen an das Gerät anzuschließen. Er konnte auf seinem Spannungsmesser sehen, dass die Energie zunahm (auf ihn zukam). Die Werte stiegen und Daniel ging vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Die Energie floss direkt in dieses Gerät und entlud sich auf der anderen Seite in einem grellen Lichtblitz. Er schloss die Augen und hielt sich schützend den Arm davor. Es dauerte nur Sekunden, und als er wieder hinsah, sah er eine menschliche Gestalt. Das Gerät, dass er gebastelt hatte, war vollkommen zerstört, regelrecht geschmolzen, und es rauchte noch leicht. Er ging vorsichtig auf die Gestalt zu, die dort vollkommen nackt am Boden lag. Dann hörte er ein Weinen und ohne groß zu überlegen, ging er auch die letzten Schritte und legte eine Decke über die Gestalt. Erst dann sah er ihr Gesicht und war fassungslos. Merit!

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