Merit / Flow

Daniel brachte sie ein seine Wohnung, wo sie bestimmt noch einen ganzen Tag schlief, bevor sie endlich aufwachte. „Und da sind wir nun“, schloss er seine Geschichte. „Da sind wir nun“, wiederholte Merit leise. Das musste sie erst mal verdauen. Sie stand etwas umständlich auf, und wies Daniels Hilfeversuch sanft, aber bestimmt zurück. Wenn man acht Monate quasi körperlos war, ist es wohl normal etwas zittrig zu sein. Sie musste aufstehen, sich umsehen, etwas tun, sie fühlte sich rastlos. All diese Informationen verwirrten sie. Sie war sich nicht sicher, was sie jetzt damit anfangen sollte, was sie tun sollte. Da viel ihr Blick auf die Kaffeemaschine und Erleichterung huschte über ihr Gesicht. Damit konnte sie doch was anfangen, alles geht besser nach einer Tasse Kaffee. Sie ging hin, füllte Wasser und gemahlenen Kaffee auf, und betätigte den Schalter. Da gab es einen kleinen Knall und ein paar Funken stoben aus der Maschine (oder aus ihrem Finger, schwer zu sagen), Merit sprang erschrocken ein Stück zurück. Die Maschine rauchte noch ein wenig, gab aber ansonsten keinen Mucks mehr von sich. Ein wenig bedröppelt sah sie sich zu Daniel um, der noch etwas ratlos zwischen der Kaffeemaschine und Merit hin und her schaute. „Das war Zufall“, dachte Merit sich selbst beruhigend und streckte ihre Hand nach dem Wasserkocher aus, der sogleich in einem ähnlichen Funkenregen einfach aufgab.  Daniel sprang auf, führte die nun noch verwirrtere Merit zurück zum Sofa und machte sich daran, Wasser auf dem Herd warmzumachen, bevor sie den auch noch kaputt machte. „Ich fürchte, was immer Dir da passiert ist, hat ernstere Nachwirkungen, als wir zunächst dachten“ sagte er, und machte einen Tee fertig. Etwas beruhigendes wäre jetzt vielleicht besser.

Nachdem Daniel sich nach der Explosion im Kraftwerk als „tot“ zurückgezogen hatte, hatte er zunächst eine kleine Wohnung außerhalb Bostons. Er hatte sich inzwischen eine neue Identität geschaffen. (Er hieß nicht immer Daniel, aber der Einfachheit halber, belassen wir es an dieser Stelle dabei). Nachdem er Merit gefunden hatte, hielt ihn allerdings nichts mehr dort. Auch Merit wusste noch nicht so recht, wie sie mit ihrer nicht-Existenz umgehen sollte. Sie hatte, im Gegensatz zu Daniel noch Familie, und da sie nicht direkt mit den Forschungen in Verbindung stand, sprach nichts dagegen, ihr Leben wieder aufzunehmen. Mit Hilfe von Daniels „Polizistenfreund“ schufen sie einen glaubwürdigen Grund für Merits lange Abwesenheit.

Sie erzählten den Leuten, die es wissen mussten, (Familie/Behörden), dass sie zum Zeitpunkt der Explosion bereits außerhalb des Gebäudes gewesen sei, aber durch die Druckwelle hart gestürzt war, und sich den Kopf stark angeschlagen hatte. Sie sei noch ein paar Meter weiter getaumelt, als sie von jemanden aufgegriffen wurde und in ein Krankenhaus gebracht wurde. Daran und was danach passierte, erinnerte sie sich nicht mehr. Sie fälschten ein paar Krankenhaus-Papiere, die sie als Komapatientin Jane Doe betitelte und eine Verlegung in ein Krankenhaus außerhalb Bostons bescheinigte. Deshalb wurde sie lange nicht identifiziert. Sie hielten die Aussagen wage, aber es wurde behördenseitig auch kaum etwas hinterfragt. Vielleicht hatten sie einfach Glück, dass sie an einen eher gleichgültigen Sachbearbeiter gelangten. Sie hatte also ihr Leben wieder, zumindest auf dem Papier. Bleib noch diese Sache…

Die nächsten Monate verbrachten sie damit Merits Zustand zu untersuchen. Daniel nahm schließlich eine Forschungs- und Lehrstelle an der University of Massachusetts in Dartmouth an und zog mit Merit dort hin. Sie teilten sich eine etwas größere WG-fähige Wohnung. Solange sie nicht wusste, was mit ihr passiert war, und wie sie das unter Kontrolle bringen konnte, war es sicherer so. An der Uni hatten sie die Möglichkeiten, dem ganzen auf den Grund zu gehen, und herumzuexperimentieren.

Sie versuchten auch noch etwas Licht in die Hintergründe der Explosion bringen zu können. Doch jeder Ansatz, den sie hatten, führt sie in eine Sackgasse. Aus den Festplatten, die Daniel von der Ruine noch eingesammelt hatte, war definitiv nichts mehr herauszuholen. Wer oder was auch immer das verursacht hatte, hatte nichts zurückgelassen. Wenn überhaupt etwas dahintersteckte. Vielleicht war es eben doch nur ein furchtbar tragischer Unfall gewesen.

So konzentrierten sie sich auf Merits neue „Fähigkeiten“. Es gelang ihr inzwischen immer besser, ihre Energie unter Kontrolle zu halten. Es hing viel an ihren Emotionen. Je unruhiger oder aufgeregter sie war, desto eher passierten spontane Entladungen. Je ruhiger und kontrollierter ihr Geist war, desto besser konnte sie die Energien beherrschen. Dabei half ihr insbesondere auch die Musik. Wenn sie ihre Violine spielte, kam ihr Geist zu Ruhe.

Sie war immer schon ein Optimist gewesen, also versuchte sie das Beste aus dieser Situation zu machen. Sie fing an nachts durch die Straßen zu streifen, um Straftaten zu verhindern. Sie hatte schon oft über Superhelden gelesen, die Gutes taten, und den Menschen halfen, wo normale Mittel es nicht konnten. Nun könnte sie auch so jemand sein. Um möglichst unerkannt zu bleiben, besorgte sie sich Kontaktlinsen und ein paar einfache, unauffällige Klamotten mit Kapuze. Daniel war der Meinung, dass sie auch einen Superhelden-Namen brauchte und nannte sie „Flow“, weil ihre Energie im Umspannwerk immer im Fluss gewesen sei, nur so habe er sie überhaupt wahrgenommen. Der Name gefiel ihr, er war kurz und „fließend“. Sie agierte allerdings noch im Verborgenen. Sie wollte nicht unbedingt an die Öffentlichkeit, noch nicht.

Seiten: 1 2 3 4 5 6