Tharlesa Talvis – eine D&D Backstory

Aber auch für Tharlesa war es nicht leicht dort aufzuwachsen. Von der mangelnden Zuneigung ihrer Eltern und der offensichtlichen Abneigung ihrer Mutter abgesehen, wollten die anderen Kinder im Dorf nichts mit ihr zu tun haben. Die Tatsache, dass sich manchmal ein kleiner, eisiger Strahl aus blau-weißem Licht aus ihren Händen entlud, wenn sie Angst hatte, machte es nicht gerade besser. Im besten Fall ließen die Kinder sie in Ruhe, oft wurde sie mit Schimpfwörtern bedacht, und manchmal…

Tharlesas einziger Vertrauter war ihr Bruder Talviron, den sie nur Talvi nannte. Er tröstete sie, wenn sie traurig war, versorgte ihre Wunden, wenn sie wieder einmal von einem Stein getroffen oder „gestolpert“ war, las ihr abends am Bett Geschichten vor und nahm sie in den Arm, wenn sie aus einem ihrer zahlreichen Albträume erwachte. Er gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Von ihm bekam sie zumindest einen kleinen Eindruck davon, wie es sich anfühlte, geliebt zu werden. In seinem Blick lag nie etwas Verurteilendes, nie etwas Anklagendes. Er wusste nicht viel über Tieflinge, aber er wusste, dass nichts ihre Schuld war. Tiefling hin oder her, sie war seine Schwester, von seinem Blut, und er liebte sie bedingungslos.

Sechs Jahre lang ertrug Tharlesa die Anfeindungen und die Verachtung. Und sie hätte es auch noch länger ertragen. Sie wäre zur Schule gegangen, auch wenn es schwer geworden wäre. Sie hätte gelernt, wäre älter geworden, und bald schon hätte Talvi sie mit in die große Stadt genommen. Auch ihm dürstete es stets nach mehr. Er wollte ein Gelehrter werden, oder ein Heilkundiger, vielleicht sogar ein Magier,… die Welt war ja so groß und hatte so viel zu bieten. Noch ein oder zwei Jahre, dann wäre er 16 geworden und hätte in der Stadt eine Ausbildung beginnen können. Seine Schwester hätte es leichter in einer Stadt wie Zadash, da war er sich sicher.

Doch wer es schließlich nicht mehr ertrug, war ihre Mutter. Levine ertrug den Anblick ihrer Tochter nicht mehr. Die Hörner waren inzwischen groß geworden, und die silbernen Haare konnten sie nicht mehr verbergen. Die pupillenlosen Augen, und natürlich der Schwanz. Mit Tharlesas Geburt brach das Unglück herein. Sie brachte Unglück über die Familie und über das Dorf. Es war Tharlesas Schuld, dass Garrik sich von seiner Familie entfernte. Es war Tharlesas Schuld, dass die Leute im Dorf sie mieden. Es war Tharlesas Schuld, dass die Häuser immer tiefer versanken. Es war auch Tharlesas Schuld, dass die neuen Türscharniere schon wieder rosteten, und dass das Dach ihres Hauses nicht mehr richtig dicht war. Auch die Probleme der Nachbarn waren ihre Schuld. Levine verrannte sich in diesen Gedanken. Alles Schlechte in ihrem Leben schob sie ausschließlich der Anwesenheit dieses Tieflings zu, und so kam sie an diesem einen Abend, als sie es nicht mehr ertrug, ans Bett ihrer Tochter. Tharlesa sah sie verwundert an, kam ihre Mutter doch nie an ihr Bett. Für einen kurzen Moment flammte Hoffnung in ihr auf. Früher hatte Levine oft an Talvis Bett ein Lied gesungen. Dann hatte sie ihm einen Kuss auf die Stirn gegeben, und erklärt, er würde seinen Geist vor bösen Träumen schützen. Wie oft hatte sie sich einen Kuss gewünscht, der ihren Geist vor bösen Träumen schützt. Doch sollten ihre Träume noch viel böser werden. Zu spät sah sie das Messer in der Hand ihrer Mutter, und sie begriff nur langsam was da gerade passierte. Wie erstarrt blickte sie auf dieses Messer und dann in die Augen ihrer Mutter, so voller Abscheu.

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