Tharlesa Talvis – eine D&D Backstory
Einzig und allein ihrem Bruder hat sie es zu verdanken, dass sie diesen Abend überlebte. Sie wusste nicht, dass sie sich schon kurze Zeit später wünschen würde, er wäre zu spät gekommen.
Talvi kam nach Hause und sah seine Mutter an Tharlesas Bett stehen. Und im Gegensatz zu seiner Schwester, begriff er ziemlich schnell, was da gerade vor sich ging. Er stürzte sich auf seine Mutter, riss sie zu Boden und das Messer aus ihrer Hand. Und dann griff er nach Tharlesas Arm, schnappte sich im Vorbeiflug noch eine Tasche, die unter seinem Bett lag und zog seine Schwester mit sich nach draußen. Und sie rannten hinaus aus dem Dorf. Ihre kurzen Beine konnten noch nicht wirklich Schritt halten, doch er zog sie unerbittlich weiter, wusste er doch, dass sie sterben würde, wenn sie in dem Dorf blieben. Wenn nicht durch die Hand ihrer Mutter, dann früher oder später durch jemand anderen.
Als sie eine ganze Weile gelaufen waren, und Talvi sich sicher war, dass ihnen niemand folgte, suchte er einen Platz zwischen den Bäumen abseits des Weges, wo sie sicher rasten konnten. Zumindest kurz. Er kramte eine Jacke für Tharlesa aus seiner Tasche, die Nacht würde kalt werden. Er hatte auch Schuhe für sie dabei. Und Tharlesa begriff, dass Talvi damit gerechnet hatte. Er war auf so etwas vorbereitet, wieso sonst hätte er für sie passende Kleidung in seiner Tasche unterm Bett verstecken sollen? Und ein Anflug von Traurigkeit überkam sie. Sie hatte die ganze Zeit immer noch Hoffnung gehabt. Doch ihr Bruder wusste es besser. Nach einer kurzen Rast wollte Talvi weiter. Er wollte so viel Abstand wie möglich zwischen dem Dorf und seiner Schwester wissen. Sie wanderten die nächsten Tage Richtung Süden. Tharlesa war es nicht gewohnt so viel zu laufen, sie war müde und hungrig, mussten sie doch ihre Rationen gut einteilen. Talvi munterte sie auf, indem er ihr von der großen Stadt erzählte, von Zadash, wie viel aufgeschlossener die Menschen dort waren und wie sich ihr Leben jetzt ändern würde. Sie würden in der Stadt in neues Leben anfangen. Alles würde besser werden. Er würde sich um sie kümmern. Sie zweifelte nicht eine Sekunde an seinen Worten.
Eines Abends machten sie in einem Waldstück Rast. Es war nicht mehr weit bis Zadash und Talvi wollte noch ein Stück des Weges hinter sich bringen bevor die Nacht komplett hereingebrochen war. Also stand Talvi auf und reichte seiner müden kleinen Schwester die Hand, um ihr hochzuhelfen. Und in dem Moment da sie seine Hand nahm, zuckte er plötzlich zusammen, und ein Ausdruck des Entsetzens breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er starrte Tharlesa an, und sie starrte zurück in seine himmelblauen Augen, die sich langsam mit Tränen füllten und für eine kleine Ewigkeit schien die Zeit still zu stehen. Bis sie den Pfeil in seiner Brust sah. Dann ging alles furchtbar schnell. Talvi sank zu Boden, Tharlesa schrie, während sie von starken Armen gepackt und fortgetragen wurde und sie sah noch wie Talvi mit letzter Kraft die Hand nach ihr ausstreckte, während sie sich immer weiter von ihm entfernte. Dann verlor sie das Bewusstsein.

Als Tharlesa erwachte, dachte sie für einen kurzen Moment, sie wäre noch zu Hause in ihrem Bett und wäre gerade aus einem furchtbaren Albtraum erwacht. Doch schnell begriff sie, dass dies nicht ihr Bett war und auch nicht ihr zu Hause. Sie kannte dieses Zimmer nicht, und als sie sich umsah, sah sie neben ihrem Bett auf einem Stuhl jemanden sitzen. Und die Bilder der letzten Nacht stürmten auf sie ein und ihre Verwirrung paarte sich mit Angst und Trauer und Wut. Tränen liefen über ihr Gesicht, und sie stürzte sich blindlings auf diesem Mann, der da neben ihr am Bett saß und fing an, mit ihren kleinen Fäusten auf ihn einzuschlagen. Sie weinte und schrie und beschuldigte ihn, ihren Bruder getötet zu haben. Sie war wie von Sinnen, konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, sah immer nur das Bild ihres Bruders, wie er dort in seinem eigenen Blut lag und die Hand nach ihr ausstreckte. Der Mann ließ sie gewähren, ihre Trauer war groß, und er wusste sie würde Zeit brauchen. Die kleinen Schläge spürte er kaum, und irgendwann wurden sie weniger. Das Weinen und Schreien ging in Schluchzen über, und als sie kaum noch Kraft hatte, ergriff er sanft ihre Handgelenke, hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Er beschwor, dass er ihren Bruder nicht getötet hatte, und dass er ihr alles erklären würde, sobald sie sich etwas beruhigt hatte. Ihr Schluchzen wurde leiser, und er ließ ihre Hände los, als sie aufhörte gegen ihn anzukämpfen. Er setzte sie auf einen Stuhl am Tisch, setzte sich dann auf die andere Seite des Tisches und sah sie einfach nur an. Er gab ihr Zeit, sich mit der Situation vertraut zu machen.

