Tharlesa Talvis – eine D&D Backstory

Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, und als ihr Blick etwas klarer wurde, sah sie diesen fremden Mann zum ersten Mal richtig an. Außer ihrem eigenen Spiegelbild hatte sie noch nie einen Tiefling gesehen. Und nun saß einer direkt vor ihr, und sie wusste nicht was sie sagen sollte, oder denken, oder tun. Er bemerkte ihre Verwirrung und durchaus auch den kleinen Anflug von Neugier.

Er stellte sich ihr als Valkis vor und erzählte ihr eine Geschichte von ein paar Männern, die auf dem Weg nach Zadash waren, und in der Abenddämmerung Stimmen aus dem nahen Wald hörten. Kinderstimmen, was sehr ungewöhnlich war in dieser Gegend. Sie verließen den Weg, schlichen sich in den Wald, um nach dem Rechten zu sehen. Und kurz bevor sie bei den Kindern ankamen, hörte er das Geräusch eines Pfeils, der auf seinem Weg durch die Luft sein grausiges Lied sang. Er sprintete los, um den nächsten Baum, und sah den jungen Burschen, der diesem kleinen Mädchen mit den Hörnern und den silbernen Haaren die Hand hinhielt, zu Boden gehen. Ohne nachzudenken, tat er das Einzige, was er noch zu tun vermag. Er packte das kleine Mädchen und lief so schnell er konnte, um sie in Sicherheit zu bringen. Er brachte sie in ein kleines Haus am Rande von Zadash, das er sich mit seinen Weggefährten teilte. Diese hielten derweil Ausschau nach dem Schützen, doch der war bereits untergetaucht im Schutz der Nacht, im Schatten der Bäume.

Tharlesa glaubte ihm. Die Trauer in ihr war groß, und sollte lange Zeit nicht vergehen. Sie verstand nicht, wieso ihr Bruder sterben musste. Er hatte so viele Pläne und er hatte ihre gemeinsame Zukunft in so schillernden Farben gemalt. Und nun war alles nur noch dunkel. Sie hatte Angst vor der Zukunft, und was nun aus ihr werden würde. Doch Valkis ließ sie nicht allein. Er wusste, wie es war, als Tiefling aufzuwachsen, und er versicherte ihr, dass er sich um sie kümmern würde. Sie würde sich keine Sorgen machen müssen. Valkis erzählte ihr alles, was sie wissen wollte. Sie hatte so viele Fragen. Sie war ja zum ersten Mal außerhalb des Dorfes, begegnete zum ersten Mal andere Leute, und natürlich war sie zum ersten Mal nicht der einzige Tiefling in der Gegend. Im Laufe der Zeit, teilte er sein gesamtes Wissen mit ihr. Er erzählte ihr von ihrer Rasse, die Legenden und Geschichten. Der Froststrahl, den sie erschaffen konnte, wies darauf hin, dass in ihr das Blut von Levistus, dem Lord von Stygia, schlummerte. Es machte ihr Angst von einem Dämon abzustammen. Vielleicht kamen daher ihre Albträume. Vielleicht hatten die Leute ja recht, wenn sie sich vor ihnen fürchteten. Aber Valkis tat das als Unsinn ab. Er selbst hatte auch keinen leichten Start im Leben. Das war wohl normal, wenn die infernale Blutlinie bei einem durchbricht. Auch davon erzählte er ihr. Sie lernte auch die beiden Freunde besser kennen, mit denen Valkis unterwegs gewesen war. Zwei Halb-Elfen, die sich als Halavor und Falben vorstellten. Sie waren geschäftlich oft unterwegs, manchmal tagelang.

So wurde Valkis ihre wichtigste Bezugsperson. Sie vertraute ihm. Er wurde ihr ein Mentor, und mit der Zeit erfuhr sie auch, womit er seinen Lebensunterhalt bestritt. Sie war sich zu Beginn nicht sicher, was sie davon halten sollte. War es richtig, jemandes Leben zu nehmen? Sie sprachen tatsächlich ganz offen darüber. Tharlesa dachte an den Abend, als ihre Mutter IHR Leben beenden wollte. Für sie, Tharlesa, war es ganz klar falsch, schließlich wollte sie nicht sterben. Aber für ihre Mutter… In ihrem Kopf war Tharlesas Tod der einzige Ausweg aus einem Leben im Unglück. Tharlesa begriff langsam, dass viele Dinge zwei Seiten haben, manchmal sogar mehr. Dass es zwischen schwarz und weiß viele Grautöne gab. Nur über den Tod ihres Bruders, ließ sie keine Diskussionen zu. Für sie gab es keinen, aber auch wirklich keinen Grund, warum er hatte sterben müssen. Und im Laufe der Zeit erwachte leise der Wunsch nach Rache in ihr.

Tharlesa war Valkis dankbar für ihre Rettung, und dass er sie bei sich aufnahm. Manch anderer hätte sie vermutlich vor die Tür gesetzt. Oder direkt im Wald gelassen. Sie lebten am Rand der Stadt, in einem kleinen Haus, das nach außen hin wie ein einfacher Buchladen aussah. Die Tatsache, dass sich in dieser heruntergekommenen Gegend kaum jemand verirrte, der ein Buch lesen wollte, machte es zu einem sicheren und verborgenen Ort. Sie begann von Valkis zu lernen. Zuerst nur einfache Dinge. Wie man sich lautlos bewegte, wie man durch die Gassen der Stadt schlich, ohne bemerkt zu werden, wie man Leute ausspionierte, und wie man Leute um ihr Gold brachte. Valkis gehörte einer Gilde in der Stadt an, die ihn mit Aufträgen versorgte und ihm Alibis versschaffte, wenn es mal nicht so lief, wie geplant. Sie begann, ihren Beitrag zu leisten. Sie erledigte „Dinge“ für Valkis, und auch für die Gilde. Zuerst nur kleinere Aufgaben: Diebstähle, Ablenkungen, Auskundschaftungen. Sie lernte nicht nur von Valkis. Sie traf andere, die ihr die unterschiedlichsten Dinge beibrachten. Valkis fand schließlich, dass Púki, der Name, den sie bei der Geburt bekam, nicht zu ihr passte. Außerdem wurde es Zeit, dieses erste, dunkle Kapitel ihres Lebens hinter sich zu lassen. Und so lebte sie in Zadash fortan als Keiju Tywyll. Als sie älter wurde, so mit zehn oder elf, fand Valkis, dass es Zeit wurde, sie im Kampf zu unterrichten. Sie sollte sich schließlich verteidigen können, sollte mal etwas schief gehen. Sie lernte den Umgang mit Waffen – leichten Schwertern, Dolchen, Messern. Sie lernte die Sprache der Unterwelt zu verstehen, woher die Aufträge kamen. Sie geriet immer tiefer in die düstere Welt der Gilde. Schließlich lernte sie auch die effektivsten Methoden, ein Leben zu beenden. Sei es mit dem Messer aus dem Hinterhalt, durch Gift, oder durch Pfeile aus weiter Entfernung, was ihr kurz einen kleinen Stich versetzte, weckte es doch böse Erinnerungen. Diese Lektionen waren bisher nur theoretisch, sie musste nie wirklich jemanden töten, und so lernte sie weiter. Valkis versprach ihr, herauszufinden, wer ihren Bruder getötet hatte, und das spornte sie an. Wenn es soweit war, wollte sie bereit sein. Bis dahin hatte Sie andere Aufgaben und die erledigte sie schnell und gewissenhaft. Sie war gut in dem, was sie tat, und das gab ihr ein gutes Gefühl. Sie war noch jung, und zum ersten Mal in ihrem Leben war sie Teil einer Gemeinschaft.

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12